Es brodelt in der Clubszene

Die Berlin Music Days luden zum Austausch ins Ritter Butzke

Die Berliner Club- und Technoszene sieht sich selbst einigen Problemen gegenüber. Sie alle haben mit den Veränderungen der Stadt zu tun, sei es die fortschreitende Gentrifizierung und ihre Folgen oder der Tourismus, der in letzter Zeit ganz neue Formen annimmt. Dazu kommen Steine, die der Szene von Seiten der GEMA oder anderen in den Weg gelegt werden oder der allgegenwärtige Konflikt, warum das DJing eine so starke Männerdomäne ist. All diese Themen wurden auf den Berlin Music Days in den letzten Tagen angesprochen, diskutiert und in Frage gestellt. Es ergab sich ein Bild der Berliner Clubszene, die ihre Schwierigkeiten offen anspricht und gemeinsam Lösungen finden und diskutieren möchte.

Berlin hat sich in den letzten 30 Jahren zur viel besagten europäischen Musikhauptstadt gemausert, in der die Technoszene eine gesonderte Rolle einnimmt. Das zieht eine ganz besondere Art von Touristen an – die Technotouristen. Diese kommen gerne mal für ein Wochenende aus den vielen anderen europäischen Metropolen nach Berlin geflogen, nur um die Berliner Clubszene in vollen Zügen auszukosten, die angesagtesten Locations zu besuchen und hinterher sagen zu können, sie hätten schon alles gesehen, was Berlin an Techno zu bieten hat. Dinge wie das Brandenburger Tor oder die Geschichte der Stadt interessieren sie dabei wenig bis gar nicht.

Mit diesem Thema hat sich am Freitag das Panel „Techno-Tourismus: Wir wollen nicht Ibiza werden?“ beschäftigt. Als Einstieg stellte der Kulturmanager Nils Gelfort in einem Impulsvortrag einige Veränderungen im Berliner Nachtleben heraus. Die Veränderungen beginnen bei immer späteren Ausgehzeiten der Berliner und endet an der Stelle, wo die Berliner kaum noch die Lust verspüren überhaupt noch jedes Wochenende feiern zu gehen, bei dem allgegenwärtigen Partytourismus. Mit reißerischen Sprüchen wie: „Spanier in Berlin sind die Rache für Mallorca“ machen sie ihren Unmut laut. Von der „Ballermannisierung“ von Teilen der Stadt ist die Rede – wird die Oranienstraße in Kreuzberg zum Berliner Ballermann? Ist sie es bereits? Hat eine solche Straße überhaupt ihre Berechtigung in Berlin? Das sind alles Fragen, die sich in der Diskussion stellten.

v.l. Andrej Holm, Tobias Danker, Jonas Gempp, Marc Wohlrabe und Sandra Passaro diskutierten über die Gentrifizierung in Berlin

v.l. Andrej Holm, Tobias Danker, Jonas Gempp, Marc Wohlrabe und Sandra Passaro diskutierten über die Gentrifizierung in Berlin

Die Clubbetreiber merken das nicht erst an den kilometerlangen Schlangen, die sich vor ihren Clubs ansammeln. Selbst das Sommerloch in dem Sinne gibt es nicht mehr. Im Juli und August sei es mittlerweile genauso voll wie in den vorigen Sommermonaten, sagt Steffen Hack, der Betreiber des Watergates. Ab September beginne bei ihm die Sorge, ob die echten Berliner wieder zurück in den Club kommen oder nicht.

Welche Rolle das Berlin-Marketing und die politisch angetriebene Stadtplanung dabei spielt, wurde ebenso kontrovers diskutiert. Der Konsens aller Teilnehmer des Panels lag darin, dass an der Szene vorbei entschieden wird. Der Tourismus macht in der Hauptstadt einen größeren Einnahmefaktor als in anderen europäischen oder auch internationalen Metropolen aus. Das Stadtmarketing stürze sich geradezu auf die bestehende (elektronische) Musikszene und will sie für sich ausnutzen. Die Innenstadt, besonders Mitte, wird immer weiter in den Mainstream getrieben, Berlin wird nach Außen gerne als besonders jung und hip dargestellt, man prahlt mit dem florierenden Nachtleben. Es war die Rede davon, dass die Clubszene unter alle dem seine Authentizität verliert. Es wird für viele Touristen zum „kulturellen Sehnsuchtsort“. Nur der Berliner sehnt sich immer mehr nach kleinen Undergroundclubs in denen er in Ruhe die Musik und die Atmosphäre genießen kann.

„Es gibt viel Gestaltungsbedarf in der Stadt“, sagt Johnnie Stieler, der ehemalige Betreiber des Host Krzbrg. Bei der Frage, was geschehen soll oder wie sie Stadt sich dabei einmischen kann und sollte, schieden sich aber die Geister. Oft kam der Ruf nach Plänen der Zwischennutzung von leerstehenden Immobilien. Genauso oft hörte man den Wunsch nach einer langfristigen Heimat für Clubs, ohne dass sie nach wenigen Jahren durch die Wohnungsbaupläne der Stadt zu Nichte gemacht werden. Steffen Hack sieht einen weiteren Zwiespalt, der über die Jahre entstanden ist: „Vor 20 Jahren wurden Clubs kriminalisiert, heue will die Stadt sie fördern.“ Er selbst machte mehrmals klar, dass er das Watergate nach seinen Vorstellungen führen möchte, ohne dass sie Stadt ihm zusätzliche Steine in den Weg legt oder sich anderweitig miteinmischen möchte.

Freiräume solle die Stadt schaffen, für Kreative und ihre Szenen. Das war das am häufigsten gehörte Buzzword auf der Konferenz. Was die Stadt den Künstlern an Freiräumen über die Jahre genommen hat, kann sie ihnen nicht gleichwertig in Fördergeldern wieder zurückgeben. Denn diese Förderungen sind im schlimmsten Falle an Bedingungen geknüpft, die die Künstler einschränken. Ohnehin wurden die Stadt, die Politik und das ganze System oft und gerne als die Buhmänner betitelt – was die Entscheidung für den nächsten Schritt bedeutend schwerer machte. Auf die Frage: “Soll die Stadt hier eingreifen und wenn ja, wie?”  gab es weder schlüssige Lösungen noch einen gemeinsamen Nenner.

Es gibt Organisationen wie die Clubcommission, die in mehreren Diskussionen von BerMuDa involviert war, die sich mit der Politik auseinandersetzen und auf sie einzuwirken versuchen. Denn ein weiterer „natürlicher“ Faktor wirkt auf die Clubszene: die Gentrifizierung. In das Thema gab Andrej Holm von der Humboldt Universität einen kurzen Einblick. Er zeigte auf, wie sich die Gentrifizierung auf die Hauptstadt auswirkt und anhand einer visuellen Darstellung machte er deutlich, dass sie in der Innenstadt zu einem allmählichen Ende kommt. Denn deutlich zu sehen war, dass die Gentrifizierung im Norden Kreuzbergs den Anfang machte, über Mitte und einen Teil Prenzlauer Bergs seinen Lauf nahm und über Friedrichshain wieder zurück nach Kreuzberg kam. Damit beschreibt die Entwicklung einen vollständigen Kreis auf der Karte. Die einzige Möglichkeit für die „Arbeiterklasse“, die durch diesen Prozess verdrängt wurde, ist es jetzt in die Außenbezirke zu ziehen und ihre Heimat und ihr soziales Umfeld und Infrastruktur ganz aufzugeben.

Gleichzeitig stellte Andrej Holm das sogenannte „Clubsterben“ in Frage, denn mit der Gentrifizierung kam es zu einem Boom der Clubs. Den viel besagten Verlust der Clubvielfalt gibt es nicht. Nie gab es mehr Clubs in Berlin. Genauso wenig waren sie so weit über mehrere Stadtteile ausgedehnt. Warum sind die Berliner dennoch unzufrieden mit dem Nachtleben? Holm warf hier die These ein, dass ein Konflikt zwischen dem Berliner Alltag und dem Nachtleben entstanden ist, der vorher nicht existierte. Früher, so sagte er, hätte das Nachtleben und die Clubkultur wiedergespiegelt, was die Menschen empfanden, wie sie sich fühlten. Es wurde einfach improvisiert, man hat aus dem was es gab der beste gemacht. Heute gehen diese beiden Lebensräume, der Alltag und das Nachtleben stark auseinander und daraus speist sich die Unzufriedenheit mit der Clubkultur. Die Frage nach der Authentizität warf sich also wieder auf.

Doch vielleicht hat diese Unzufriedenheit auch einen anderen Grund. Denn es ist fraglich, warum diese Rufe erst jetzt laut werden und nicht schon früher aufkamen, als die Gentrifizierung sich noch nicht bis nach Kreuzberg fraß. Womöglich spielt einerseits das abdriften der Szene weg von der Authentizität, der Technotourismus und der sich schließende Kreis der Gentrifizierung zusammen, sodass sich all der Unmut gerade in Kreuzberg konzentriert. Die Berliner sehen sich gezwungen die Innenstadt gegen ihren Willen zu verlassen und vorschnell werden die neuen Touristen als Schuldige identifiziert.

Es brodelt in der Clubszene. Die Schwierigkeiten und Hürden wurden in den letzten Tagen bei der BerMuDa Konferenz aufgedeckt und besprochen. Man will etwas verändern, nur die Richtung ist noch unklar. Hier muss nun angesetzt und weitergearbeitet werden, damit sich auch wirklich etwas bewegt.

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